Ein sächsisches Dorf mausert sich Italienisch

Ein Bericht von Christa Richter /Allgemeine deutsche Zeitung für Rumänien ( 11/2008 )

„Das evangelische Erntedankfest der Ortschaften des Mediascher Kirchenbezirks fand diesmal, nach langer Zeit wieder, in Großkopisch statt. Diese einstmals sächsische Dörfchen, in unmittelbarer Nähe der Gemeinde Birthälm gelegen, hat zwar einen „großen“ Namen, ist aber nichts weiter als ein kleines Straßendorf. Es besitzt jedoch eine beeindruckende Kirchenburg und eine landschaftlich reizvolle Umgebung. Von hier gelangt man auf Landwegen zur Kirchenburg von Waldhütten oder nach Neudorf mit seinen Gassonden (wo schon 1938 Gas gefördert wurde), über Berg und Tal ins berühmte Malmkrog mit seiner von Fresken geschmückten Kirche.

Ein anderer Weg Richtung Süden führt nach Fettendorf, einer schon im Mittelalter aufgelassenen Siedlung, wo auf den Wanderer ein Naturparadies wartet. Kein Wunder, dass dieses reizvolle, aber abgelegene Dörfchen Großkopisch anziehend wirkt. Es war jedoch nicht ein Rückkehrer, der sich hier häuslich niederließ, sondern eine bekannte italienische Familie, die rein zufällig hier gelangte. Als Paolo und Giovanna Bassetti den Ort erstmals besichtigten, rief Paolo begeistert aus: „Wie in der Toskana vor 50 Jahren! Hier möchte ich leben!“ Die Italiener hatten in Rumänien massiv investiert und begannen nun, Land und Leute zu erkunden.

Sie fuhren mit ihrem Jeep quer durch das Land, blieben auf morastigen Waldwegen stecken und mussten mit dem Traktor herausgeholt werden. Das waren abenteuerliche Fahrten, doch sie hatten ihren Spaß daran. Sie suchten eigentlich ein Feriendomizil, um sich vom Bukarester Stress zu erholen, denn in der Hauptstadt befindet sich der Firmensitz, dort gehen ihre zwei Kinder zur Schule. Das erste Haus, das ihnen sofort ins Auge fiel, war das sächsische Haus Nummer 216 in der Hauptstraße. Es war zwar von einer Familie eines Schafhirten bewohnt, aber in einem bejammernswerten Zustand. Also kauften sie das Haus dem Staat ab, nachdem sie den Mieter zum Besitzer eines kleineren Hauses gemacht hatten. Dann begannen sie mit der Sanierung, ein Jahr später erfolgte die Neueinweihung des Hauses. Gäste aus aller Welt waren eingeladen (die Eltern aus Milano, die Schwester aus Los Angeles, der Freund von der EU aus Brüssel sowie einige Einheimische), und alle bewunderten gebührend das Haus. Die Fassade war so, wie sie wohl in guten, alten Zeiten ausgesehen hat, das Tor neu gestrichen, die Fensterläden desgleichen.

Der Keller war trockengelegt, die Wölbungen ausgebessert und in einen Speisesaal umgewandelt worden, ein langgestreckter Tisch mit Bänken könnte die halbe Nachbarschaft aufnehmen. Die Zimmer wurden wohnlich mit alten Möbeln bestückt, die Badezimmer einfach und schön hergerichtet. Der ehemalige Schuppen erhielt ein doppelt gedecktes Dach, um ein großes Wohnzimmer zu überdachen, dessen Hofseite durch mächtige Glaswände den Blick auf den Hof freigeben. Schon wurde ein zweites Haus in Angriff genommen, das aufgelassene Bürgermeisteramt harrt seiner Restaurierung. Die Italiener haben inzwischen den „Kampf“ mit den Dorfbewohnern aufgenommen und versuchen nun, diese zu überzeugen, dem Dorf seinen sächsisch-mittelalterlichen Stil zu bewahren.

Es geht ihnen vor allem um Fassadenschmuck, Dächer, Tore und Fenster. Alte Fensterläden sollen keineswegs durch Plastikrollos ersetzt werden, auch der Anstrich mit grellen Farben soll vermieden werden. Sie sind bereit, den Dorfbewohnern nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat beizustehen. Das heißt, sie sponsern all jene, die sich mit ihren Vorschlägen einverstanden erklären. Außerdem gibt es seit Neuestem ein Druckmittel seitens des Bürgermeisteramtes in Birthälm, dessen Bürgermeister eine Charta unterschrieben hat, worin er sich verpflichtet, den Baustil in den ehemals sächsischen Dörfern nicht zu verfälschen.

Nur so können dies Ortschaften zu Tourismusattraktionen werden, was wiederum zu ihrem Aufblühen beitragen wird. In Großkopisch wurde der erste Schritt getan, wenn es so weiter geht, wird dieses abgelegene Örtchen bald als Beispiel gelungener Restaurierung dastehen. Und das alles nur, weil zwei traditionsbewusste Italiener ihr Herz hier verloren haben …“ Die Fotos wurden freundlicherweise von Hanni Gutt zur Verfügung gestellt. Den Bericht, den mein Bruder Hans gefunden hat, habe ich genutzt um zu zeigen, wie es in Großkopisch aussehen könnte, wenn die schönen sächsischen Häuser nicht verfallen würden. Ich hoffe, den Kopischern damit ein Stück Heimat näher gebracht zu haben.

Es grüßt alle Kopischer Rosina Lachmann

About Arthur Weprich

Author und Webmaster für grosskopisch.de - geboren 1981 in Großprobstdorf bei Mediasch in Rumänien

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