Nun konfirmieren wir Roma-Kinder

Es war ein für Rumänien bis dahin beispielloser Exodus: Nach der Revolution im Dezember 1989, die zum Ende der kommunistischen Ceauşescu-Diktatur führte, kehrten dem Land weit über 100.000 Rumäniendeutsche den Rücken. Sie hatten kein Vertrauen mehr in den neuen rumänischen Staat und erhofften sich von einem Leben in Deutschland eine bessere Zukunft. Viele der ‚Auswanderer‘ gehörten zur Gruppe der Siebenbürger Sachsen, deren Vorfahren sich bereits im 12. Jahrhundert im heute zentralrumänischen Siebenbürgen angesiedelt hatten. Nahezu alle Siebenbürger Sachsen bekannten sich schon kurz nach der Reformation zur Evangelischen Kirche, nach dem so genannten ‚Augsburger Bekenntnis‘; dies hatte mit dem Reformator Johannes Honterus zu tun, der aus Siebenbürgen stammte und im Zuge der Reformation  auch dorthin wieder zurückkehrte. 

Doch nach der Wende im Dezember 1989 wurde aus der einst mitgliedsstarken evangelischen Kirche eine eher kleine, verschworene Gemeinschaft, die nun ihre neue Rolle in der rumänischen Gesellschaft sucht – und wohl auch schon gefunden hat: Die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien übernimmt viele Sozialaufgaben, die der Staat vernachlässigt – und bekommt auch Zulauf aus Teilen der Bevölkerung, die mit der rumäniendeutschen Siedlungstradition nichts zu tun haben; unlängst wurden sogar Roma-Kinder konfirmiert.
Hier spielende Kinder, dort ein paar freilaufende Hühner, dazwischen ältere Frauen mit Kopftüchern und einfacher Kleidung: Reichesdorf/Richiş, ein kleines Dorf mitten in Siebenbürgen, in der Nähe von Mediasch – hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Vor einem Haus steht ein Mann, Anfang 60. Er trägt blaue Arbeitshosen und einen dicken, beige Pullover: „Mein Name ist Wilhelm Untch. Ich bin geborener Reichesdorfer, war Reichesdorfer, und werde auch immer Reichesdorfer bleiben, wo immer ich auch lebe.“

Kirche als Schlüssel zur Gemeinschaft

Er ist, im Gegensatz zu vielen Rumäniendeutschen, nicht nach Deutschland ausgewandert, sondern dort geblieben, wo er immer war: Wilhelm Untch gehört zur Gruppe der Siebenbürger Sachsen, deren Vorfahren im 12. Jahrhundert aus der Rhein-Mosel-Gegend kamen, um sich auf dem Gebiet des heutigen Zentralrumänien anzusiedeln. Und deshalb benutzt Wilhelm Untch konsequent auch nicht die rumänische, sondern die deutsche Ortsbezeichnung: Reichesdorf. „Vor 1990 gab es hier noch eine geregelte Ordnung kirchlicher Art“, erzählt er. „Dann kam die Wende. Und dann sind die meisten gegangen. So hat die Gemeinde heute noch gerade mal 15 sächsische Kirchenmitglieder.“ Die Zugehörigkeit zur rumäniendeutschen Gemeinschaft und zur jeweiligen evangelischen Kirchengemeinde ist für WilhelmUntch ein- und  dasselbe: Kaum ein Siebenbürger Sachse, der nicht zur evangelischen Kirche gehört.

„Früher war die Gemeinde noch relativ stark“, fährt er fort, „hatte ihren eigenen Pfarrer. Das war eine geschlossene Gemeinschaft, wie das überall so auf den sächsischen Gemeinden war. Das kirchliche Leben heute ist dankenswerter Weise immer noch in Ordnung, sagen wir mal so, gerade wenn so einmal im Monat ein Gottesdienst stattfindet. Da kommen unsere Pfarrherren hier in Reichesdorf einmal im Monat vorbei. Wichtig ist das in erster Reihe deshalb, weil die Kirche noch zu diesem Gemeinschaftsgefühl beiträgt.“
Deshalb verpasst Wilhelm Untch keinen einzigen der monatlichen Gottesdienste im Dorf – in der Hoffnung, dass wenigstens dieses Angebot noch lange erhalten bleibt. Denn die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien hat in den vergangenen  Jahrzehnten  einen Aderlass erlitten, der in ihrer nahezu 500 Jahre währenden Geschichte einzigartig ist.

Diakonie als neue Kirchenfunktion

„Die Kirche hatte früher, vor 70 Jahren, 1939 genau, wahrscheinlich die höchste Zahl an Mitgliedern, etwas über 300.000. Mit dem Jahre 1989/90 hatte die Kirche noch 100.000 Mitglieder. Und heute zählt sie gerade mal noch 13.000 Mitglieder.“  Von ursprünglich einmal 300.000 Gläubigen auf gerade mal 13.000 geschrumpft: Wenn Reinhart Guib diese Zahlen nennt, tut er das in einem sachlichen, nüchternen Tonfall. Reinhart Guib ist Landesbischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien – und muss in diesem Amt eine schwierige Aufgabe erfüllen, nämlich den Wandel vorantreiben von der einstigen Volks- zur Diasporakirche. Eine wichtige neue Funktion hat die Kirche bereits gefunden: Die Diakonie. Das ‚Sich-Kümmern‘ um die Alten, Armen, sozial Schwachen, für die die neue, postkommunistische Gesellschaft  nichts übrig hat und um die sich auch die staatlichen Institutionen Rumäniens kaum kümmern.

„Vor 1990 war das so: Die Nachbarn haben sich geholfen, von der Wiege bis zur Bahre. Das ist dann mit der  Wende weggefallen, weil die Leute nicht mehr da waren, die das mitgetragen haben. Und da wurden die diakonischen Einrichtungen geschaffen, Altenheime, betreutes Wohnen, für Straßenkinderprojekte, für Arme, Behindertenbetreuung, Krankenpflege, verschiedene Möglichkeiten, institutionelle Diakonie, Gemeindediakonie. Sehr persönlich wurde damit geholfen. Und inzwischen hat sich das damit ausgeweitet, dass wir auch in die rumänische Gesellschaft damit gehen und Leute aufnehmen, die nicht zur evangelischen Kirche gehören. Wir gehen da sehr in die Gesellschaft hinein.“

Evangelische Roma-Mädchen

Und das zahlt sich immer mehr aus. Zu Gast in Copşa Mare, zu Deutsch Großkopisch – ein weiteres jener siebenbürgischen Dörfer mitten in Rumänien, in dem bis 1990 noch viele evangelische Christen mit deutschen Wurzeln lebten. Obwohl die meisten nach Deutschland ausgewandert sind, hat sich in Großkopisch immer noch ein reges Gemeindeleben erhalten. Dass auch die Rumänen im Dorf, darunter viele Roma,  die sozialen Angebote der Evangelischen Kirche A.B. in Anspruch nehmen durften, führte zu einer überraschenden Entwicklung. 
Ulf Ziegler betreut als evangelischer Pfarrer 46 Gemeinden, darunter auch Großkopisch: „Und da kamen auf einmal auch mehrere Kinder aus verschiedenen Roma-Familien aus Großkopisch mit ihren Schulkollegen dazu. Und die haben sich wohlgefühlt bei uns. Und die sind mehrere Jahre regelmäßig zu unseren Gottesdiensten gekommen, beteiligten sich an unseren Feiern, an den Muttertagsfesten, Gemeindefesten, den Weihnachtsvorbereitungen…Und weil sie auch vom Alter den Kriterien entsprochen haben, hatten sie auch das Recht, konfirmiert zu werden und durch die Konfirmation in die evangelische Kirche  aufgenommen zu werden. 

So haben wir quasi jetzt vier Roma-Mädchen aus Großkopisch in der evangelischen Gemeinde mit drin, die mitten in dem Spannungsfeld stehen zwischen traditioneller Gemeinde, bestehend aus älteren Leuten, deutschsprachig, und eben ihnen als Jugendliche, rumänischsprachig und aus Roma-Familien kommend, also auch aus ganz anderen sozialen Verhältnissen.“ Die evangelische Kirche trägt dem Rechnung, was aber zu einschneidenden Veränderungen im Gemeindeleben führt. „Bisher waren die Gottesdienste deutschsprachig, weil keine Notwendigkeit bestand, eine andere Sprache zu benutzen, weil alle Deutsch verstanden. Aber nun war die Gemeinde einverstanden, eben die Verkündigung auch auf Rumänisch umzustellen. Das heißt, dass jetzt sowohl deutsch als auch rumänisch im Gottesdienst gesprochen wird.“ Das allerdings, und das weiß Gemeindepfarrer Ulf Ziegler, geht nicht ohne Spannungen ab: „Der Generationenkonflikt ist einmal drin. Und zum zweiten ist es so, dass eben diese Roma-Familien viel zahlreicher sind als die traditionelle Gemeinde und dabei die Befürchtung besteht, dass die traditionelle Gemeinde als Minderheit erscheinen könnte. Was aber bislang nicht der Fall gewesen ist.“

Emanzipation von katholischer Bevormundung

„1542 hat sich die Stadt entschlossen, die Reformation anzunehmen und hat den Humanisten Johannes Honterus beauftragt, die Reformation nach lutherischem Vorbild hier durchzuführen“. Knapp 200 Kilometer von Großkopisch entfernt, in der berühmten Schwarzen Kirche in Kronstadt/Braşov: Wie Stadtpfarrer Christian Plajer erläutert, nahm genau hier die Reformation in Siebenbürgen im 16. Jahrhundert ihren Anfang: „Kronstadt hatte immer Bezug zu den großen europäischen Universitätszentren. Es gab Schüler, Studenten, die hier das Gymnasium, das humanistische Gymnasium, absolviert haben  und sich dann an Universitäten wie Wien oder sonstwo in Europa immatrikulierten, übrigens auch Wittenberg. Und diese Studenten kamen nach Hause und brachten dann das reformatorische Gedankengut mit. Dieses wurde hier bekannt.“

Hinzu kam: Große siebenbürgische Städte wie Kronstadt fühlten sich seinerzeit durch die, wie es in Überlieferungen heißt, „katholische Hierarchie“, bevormundet. Doch genau diese „katholische Hierarchie“ war in Siebenbürgen durch den Einfall der Türken nach der Schlacht von Mohács (1526) entscheidend geschwächt: „Nachdem die Türken damals Siebenbürgen eingenommen hatten und ihre Oberhoheit (in Form von Pflicht zu Tributzahlungen) hier eingerichtet haben, war die Situation günstig und der Stadtrat hat Johannes Honterus, den Humanisten, beauftragt, hier die Reformation durchzuführen.“ Die sich danach über ganz Siebenbürgen ausbreitete. 

Öffnung und Vorbehalte für Ökumene

Doch mögen heute sogar Roma-Familien beitreten – die evangelische Kirche bleibt klar in der Minderheit.  Über 90 Prozent der Bürger Rumäniens gehören der Orthodoxen Kirche an. Auf Gemeindeebene, so Bischof Reinhart Guib, pflege man mit den Orthodoxen gute, brüderliche Kontakte; man erarbeite häufig gemeinsam ökumenische Angebote. Auf nationaler Ebene dagegen kommt es ab und an zu Spannungen: „Manchmal ist es auch schwierig mit den Kirchenoberhäuptern. Die Orthodoxe Kirche hat sich zum Beispiel in den letzten Jahren sehr zurückhaltend auf höchster Ebene in der Ökumene betätigt, dadurch, dass es einen Eklat in der orthodoxen Kirche gab, wonach ein orthodoxer Bischof an einem griechisch-katholischen Abendmahl teilgenommen hat und dadurch die orthodoxe Synode sehr verschreckt war. Die dann auch allen ihren Geistlichen verboten hat, an ökumenischen Gottesdiensten und ökumenischen Feiern teilzunehmen und mitzuwirken.“

Die Gemeindearbeit an der Basis bleibe von solchen Vorfällen unberührt. Die Berührungsängste vieler Rumänen gegenüber dem Angebot der evangelischen Kirche in Siebenbürgen schwinden von Tag zu Tag ein wenig mehr. Und so hat Wilhelm Untch, einfaches Gemeindeglied in seinem kleinen Dörfchen Reichesdorf, eine Vision: „Ich wünsche mir, dass es zu einer Belebung dieser leer gewordenen Dörfer kommt. Dass wieder ein Leben in diesen Dörfern zustande kommt.  Dass sich einstmals eine multinationale Gemeinschaft da einbürgert, in unseren Gemeinden.“

Quelle: adz.ro

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