Siebenbürger Impressionen

Vom 31.8. bis 9.9. 2010 waren wir mit einer Gruppe von Freunden in Siebenbürgen unterwegs. Diese Reise hatte Hedda geplant und organisiert, weil wir sie gebeten hatten: “Zeig uns deine Heimat“

Hier ein Auszug aus Johannas Reisetagebuch:

Sonntag, 5.9.2010, der 6. Tag, von Birthälm nach Großkopisch, eine Zeitreise Am Vorabend haben wir lange in Dornröschens Garten gesessen, haben gelacht, erzählt und sehr viel wunderbar weichen einheimischen Zwetschgenschnaps getrunken. Hier in Birthälm sind wir dem eigentlichen Ziel der Reise – Heddas Heimatdorf Großkopisch – schon ganz nahe. Nach den grauen Regentagen ist der Himmel jetzt klar, ein heller Mond und viele Sterne beleuchten unsere fröhliche Runde. Ich wäre bereit gewesen, am nächsten Tag für die Schnapsexzesse zu leiden, hatte aber weder Kopfschmerzen, noch einen verkorksten Bauch. Auch die anderen sind erstaunlich munter, wir freuen uns an der Sonne und genießen den frisch gewaschenen Sonntagmorgen. Gleich früh um 8 Uhr gehen wir los, Heddas alten Schulweg, von Birthälm, wo sie zur Schule gegangen ist bis zu ihr nach Hause, nach Großkopisch. Zwischen Garten-zäunen biegen wir auf einen schmalen Pfad ein. „Bist du sicher, dass wir hier durchkommen, Hedda?“ „Ja, natürlich bin ich sicher, hier entlang, kommt mit.“

Der Weg ist überwuchert und kaum mehr zu finden. Brennnesseln streifen unsere nackten Beine, lange nasse Grashalme wickeln sich um unsere Schuhe. Manchmal ist Hedda unsicher – war es wirklich hier? Doch, hier muss es gewesen sein. Und sie erzählt, wie ein Vater im Winter einen Weg trampeln musste, sonst wären die Kinder im Schnee versunken. Heddas Schwester durfte im Winter bei einer alten Dame in Birthälm wohnen, sie war nicht kräftig genug, diesen Weg jeden Tag zu gehen und kam nur am Wochenende heim. Heute fährt diese Strecke natürlich ein Bus. Wir kommen in einen Buchenwald, glatte gerade Stämme, der Boden ist von einer dicken Schicht alten Laubs bedeckt, die dichten Kronen lassen wenig Licht durch, es gibt hier kein Unterholz. Noch sind die Buchen grün, auch wenn der Morgen schon ein bisschen nach Herbst riecht. Dann führt uns Hedda aus dem Wald hinaus und da liegt Großkopisch, unten im Tal. Wir gehen die Dorfstraße entlang, breit ist sie, zum Teil geschottert und staubig.

Daneben ein Streifen Grün, ein Graben und noch einmal ein Grünstreifen, der bis an die Häuser reicht. Viele Fensterläden sind geschlossen, die hohen Tore verwehren einen Blick in die Höfe – wie zum Ausgleich wachsen bunte Blumen entlang der Mauern, Portulakröschen und Tagetes. Ein Haus fällt uns allen sofort ins Auge, das Italienerhaus – wie Heddas Elternhaus inzwischen genannt wird. Es ist sehr gepflegt, grün, weiß abgesetzt die Fassade. Eine freundliche Frau erwartet uns und sperrt das Hoftor auf.

Hedda geht als erste hinein. Uns tut sich eine neue Welt auf. Hinter dem abweisenden Tor, der geschlossenen Fassade breitet sich ein großzügiger Garten aus, das lang gestreckte Haus mit der angebauten Scheune bildet die eine Grenze, auf der anderen Seite liegt vorne zur Straße hin die Sommerküche, dann ein Zaun. Das Wohnhaus mit Treppe und Veranda ist von der italienischen Familie Bassetti mit viel Geschmack und Liebe zum Detail hergerichtet worden. Die alten Holzdielen sind sauber und blank poliert – aber sie sind nicht eingeebnet, geglättet. Rund und sanft abgetreten zeigen sie noch die Spuren der früheren Bewohner. Webteppiche, Leinenvorhänge, die alten Bauernmöbel und das Tongeschirr in der Küche sehen aus, als ob sie schon immer zum Haus gehörten.

Und in der umgebauten Scheune sind an der Decke noch die alten Dachziegel zusehen, allerdings mit einer Dämmschicht versehen und von außen neu gedeckt. An jeder Stelle des Hauses finden sich wunderbare Details, geschmackvoll, zweckmäßig und ohne das alte Haus zu vergewaltigen. „Ich hätte es selbst nicht schöner machen können“ sagt Hedda bewundernd. Die Erleichterung, das Haus wieder in guten Händen zu wissen ist ihr deutlich anzumerken. Die Sommerküche ist als separates Ferienhäuschen eingerichtet – die Familie Bassetti ist anscheinend groß und hat gerne Gäste. Draußen im Garten liegen die Äpfel im Gras, wir dürfen sie probieren. Saftige, aromatische Sommeräpfel, genau wie Hedda sie beschrieben hatte. “Wenn man hinein beißt, dann läuft einem der Saft rechts und links aus den Mundwinkeln.“ Hedda nimmt noch ein paar Äpfel für ihre Mutter mit. Ganz anders der Eindruck des Elternhauses von Martins Mutter. Hier ist alles verschlossen, wir sehen nur die Fassade.

Dann zeigen uns Martin und Hedda noch die Kirche, in der sie geheiratet haben. Die Eingangsstufen sind zerbrochen, im überwucherten Kirchhof ist eine Wäsche-leine gespannt. Ein Hund schnüffelt neugierig an uns Besuchern. In der kahlen Kirche kriecht der schwarze Schwamm an den gekalkten Wänden hoch, statt Fuß-bodendielen oder Platten ist Kies aufgeschüttet. Schon lange ist die Turmuhr stehen geblieben, sind die Glocken stumm. Schwer vorstellbar, dass vor ungefähr 30 Jahren hier eine große, fröhliche Hochzeit mit vielen Gästen gefeiert wurde, dass die leeren Dorfstraßen mit Leben gefüllt waren und für die Hochzeit tagelang geschlachtet, gekocht und gebacken wurde……….

„Das Tor verschlossen Äpfel vom Baum des Vaters Versöhnen den Schmerz“

Authoren: Johanna Gruner / Claudia Koolman

About Arthur Weprich

Author und Webmaster für grosskopisch.de - geboren 1981 in Großprobstdorf bei Mediasch in Rumänien

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